frankd hat geschrieben:Na gut, Wowereit ist nun nicht gerade der ideale Projektcontroller, aber bundesweit gibt es noch genügend andere Großvorhaben, die ähnlich ablaufen wie der BER, ob nun Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie oder der bereits fertige Citytunnel in Leipzig, irgend wie ist und war dort überall der Wurm drin.
Immer dabei sind längere Bauzeiten und extrem höhere Kosten, die Frage bleibt, zufällige Ausnahmen oder Fehler im System. Ich neige zum Zweiten
Da gebe ich Dir recht und zwar gleich aus einer ganzen Reihe an Gründen. Projekte werden mutwillig viel zu billig gerechnet (und zwar vom Auftraggeber, sprich durch die oder im Auftrag der Politik), um sie politisch durchsetzen zu können. Denn wenn das Projekt erst mal läuft wird es in den seltensten Fällen abgebrochen, egal wie die Mehrkosten sind. Wäre ja politisch peinlich. Die Selbstvertändlichheit mit der z.B. bei der Wowi-Gedenkbibliothek die Budgetüberschreitung nahezu aller Teilnehmer bereits im Architekturwettbewerb als völlig normal hingenommen wurde zeugte schon von Chuzpe - 350 Mio statt 270 Mio - who cares, ist ja nicht mein Geld...
Das System der Ausschreibung, das eigentlich für Transparenz und günstige Preise sorgen soll, erreicht das Gegenteil: Die Verwaltungen sind verpflichtet, den günstigsten Anbieter zu nehmen. Die formalen Kriterien der Aussschreibung können dabei gar nicht vollständig die Anforderungen an den Auftragnehmer abbilden und den Nasenfaktor schon gar nicht. Die Welt der vollständigen Lasten- und Pflichtenhefte ist in der freien Wirtschaft aus gutem Grund längst am Aussterben, in der Verwaltung ist sie auf der Blüte ihres Daseins. Der Aufwand für Auftragnehmer, bei einer Ausschreibung mitzumachen ist immens hoch - das ist eine streng formalisierte hochkomplexe Welt mit seltsamen und teilweise völlig absurden Spielregeln. Das muss man machen ohne zu wissen ob man überhaupt eine Chance auf den Auftrag hat. Die Kosten dafür müssen eingepreist werden in die Ausschreibung, die dann mal gewonnen wird. Gleichzeitig sind im Normalfall die gezahlten Entgelte im Vergleich zur freien Wirtschaft eher niedrig, die Zahlungsfristen ausgesprochen länglich, der bürokratische Aufwand riesig und Pragmatismus ein Fremdwort. Der Spassfaktor ist also in der Regel überschaubar. Da die öffentliche Hand ihren Angestellten und Beamten auch keine riesigen Gehälter zahlt ist dort - bei allem Engagement, das es durchaus auch gibt - typischerweise nicht die allererste Garde tätig (und gelegentlich auch die allerhinterste). Langjährige Frustration stumpft auch die tollsten Typen ab. Permanente Angst vor dem Verletzen irgendwelcher hochkomplexer Vorschriften und absolut hierarchisches Abteilungsdenken kombiniert mit politischer Einflussnahme sorgen dafür, dass solche Projekte in aller Regel alles andere als effizient ablaufen. Und weil nur in den wenigsten Verwaltungen eine Projektkultur vorhanden ist und in der politischen Führungsebene keinerlei Gespür und Verständnis dafür, wie ein Projekt grundsätzlich funktioniert werden unangenehme Nachrichten so lange unter den Teppich gekehrt bis sie sich nicht mehr verschweigen lassen. Die Politik mischt sich frei von jeder Sach- oder Methodenkenntnis zu beliebigen Zeitpunkten ein wie ein Dreijähriger beim Zubereiten des Sonntagsbratens. Bloss dass der Dreijährige die Aufträge erteilt, die Prügel und die Rechnungen bezahlt er auch, wenn auch nicht vom eigenen Geld. Das macht ihn ziemlich hemmungslos, den Dreijährigen. Sorgt dafür dass korrekt ausgeführter Formalismus ("cover your ass") wichtiger ist als Projekterfolg und zwar bis hinauf in die Führungsebene. Dann solange man nachweisen kann, dass man sich formal korrekt verhalten hat ist das verzögerte oder fehlgeschlagene Projekt ein unvermeidlicher Schlag des Schicksals und kein Missmanagement. Aber wehe irgendwer hat mal gegen eine Formalie verstossen (und sei es aus gutem Grund) - der wird dann ganz schnell zum Alleinschuldigen für alles und jedes. Deswegen macht das auch keiner. Das nennt man dann "Dienst nach Vorschrift" und wer solche ein System mal aus der Nähe gesehen hat kann es keinem Beteiligten übel nehmen sich so zu verhalten. Alle fügen sich in das System, auch wenn es spätestens im vertraulichen Gespräch kaum einer sinnvoll findet. Die Beseitigung der lang verschwiegenen Probleme dauert daher unnötig lange und ist unnötig teuer - viel zu viele Köche am Topf, von denen aber keiner für die Mahlzeit verantwortlich sein will (solange sie nicht erfolgreich zu ende gekocht ist und gute Kritiken bekommen hat vom Gast). Ist also nicht besonders sexy sowas für einen Auftragnehmer, der einen guten Job machen will und ziemlich frustrierend, vor allem wenn man aus der freien Wirtschaft weiss, wie es auch laufen kann (und auch da ist bekanntlich nicht alles eitel Sonnenschein).
Die initialen Angebote betreffen ja das "schöngerechnete" Projekt - es ist also allen Beteiligten gleichermassen von Anfang an klar, dass da wahrscheinlich noch was nachkommen wird. Und ein realistisches Angebot fliegt im Bieterverfahren sofort raus, weil zu teuer (oder wird erst gar nicht in diesem Umfang ausgeschrieben). Alles zusammen sorgt dafür, dass öffentliche Projekte nicht nur teuer sind und lange dauern sondern dass sie schweineteuer sind und ewig dauern und immer noch eine Steigerung möglich ist. Das ist politisch so gewollt. Ironischerweise werden u.a. durch die anfängliche Schönrechung Projekte in der Summe sehr viel teurer, als wenn gleich realistisch kalkuliert worden wäre. Der Hauptfaktor ist jedoch die Kulturfrage: Solange es wichtiger ist Formalismen zu erfüllen als Ergebnisse zu liefern wird sich nichts ändern. Also ja: Der Fehler liegt im System - und es sind in den seltensten Fällen die Auftragnehmer, die die initiale Kostenschraube verursachen.
frankd hat geschrieben: und zum bösen Wort der Korruption. Schon bei der Vergabe wird gemauschelt, man macht ein viel zu kleines Angebot, um erst mal ins Boot zu kommen. Alles weitere klärt man später im Einvernehmen, der Vertrag ist butterweich, man kennt sich ja, es sind die üblichen Verdächtigen.
Alle machen mit, denn solch einen geldscheißenden Esel sollte man nicht zu schnell schlachten.
Natürlich könnte man hart durchgreifen, aber wer soll es machen, wenn am System alle beteiligt sind.
Von der Auftragnehmerseite kann ich sagen, dass es anders erheblich schöner, einfacher und effektiver wäre und ich kenne genug von der Gegenseite, die das genauso sehen. Ich beneide niemanden, der von öffentlichen Projekten leben muss - wir machen solche Aufträge nur im absoluten Ausnahmefall und zeitlich wie inhaltlich hart begrenzt. Korruption habe ich dabei nie mitbekommen, informelle Absprachen um wenigstens eine Chance zu haben das Projektziel zu erreichen gelegentlich. Aber wie zuvor gesagt: Meine Erfahrungen in dem Bereich sind gerade umfänglich genug, dass ich weiss, dass ich da nicht tiefer einsteigen möchte.

Bei wirklich grossen Projekten, wo es um grosse Volumina geht, kann ich mir durchaus vorstellen dass der Übergang zwischen vernünftigen Absprachen und Korruption schnell fliessend wird und auch, dass da die Grenze zur Korruption überschritten wird - die Anreize dafür sind für alle Beteiligten hoch, die Risiken offenbar überschaubar, was man so liest. So integer das System in der Theorie ist so mangelhaft ist es in der Praxis.
frankd hat geschrieben: Und so werden die Gelder in Großprojekten verbraten,
Im Falle von Berlin gibt sogar ein Buch darüber: "Ach Du dickes B." heisst es (und ist mittelspannend).